Schwanzmeise (Aegithalos caudatus)
Long-tailed Tit
Ordnung:
Sperlingsvögel
(Passeriformes)
Familie:
Schwanzmeisen
(Aegithalidae)
Die Schwanzmeise ist ein markanter und unverwechselbarer Singvogel, der
seinen Namen - aufgrund des verglichen zum Körper überdimensional langen
Schwanzes - zu Recht erhielt. Deshalb ist die Art auch leicht zu bestimmen,
wenn man sie in den Baumwipfeln ausmacht. Sie ist zwar nirgends häufig,
ist aber trotzdem regelmäßiger Brut- bzw. Standvogel im Winter.
In strengen Wintern kann es zu hohen Verlusten unter den kleinen Vögeln
kommen. Außerdem wurden aus vielen ehemaligen Brutgebieten der Schwanzmeise
forstwirtschaftlich genutzte Hochwälder.
Vorkommen
Die Schwanzmeise brütet von der Atlantik- bis zur Pazifikküste. Die Art
fehlt in Europa nur auf den Balearen, auf Sardinien sowie auf Kreta und
kommt in Norden Skandinaviens bis zum Polarkreis vor. Die Inseln im Wattenmeer
werden nur ausnahmsweise besiedelt.
In Europa existieren zwei Unterarten: Aegithalos c. caudatus L.
1758 und Aegithalos caudatus europaeus HERM 1804. Durch Paarung
untereinander kommt es zu Vermischungen der beiden Unterarten.
In Mitteleuropa haben die Vögel einen breiten schwarzen Streifen über
dem Auge. Es können aber auch vereinzelt weißköpfige Schwanzmeisen entdeckt
werden, die der nordeuropäischen Form sehr ähneln. In unseren Breiten
ist die Schwanzmeise ein regelmäßiger Brutvogel, aber in geringer Dichte,
der vor allem unterholzreiche Laub- und Mischwälder, Flußauen, Parkanlagen
und manchmal auch Gärten bewohnt.
Die Schwanzmeise ist in Mitteleuropa Standvogel und bekommt in den Wintermonaten
Verstärkung von nordischen weißköpfigen Verwandten, welche die einheimischen
Vögel oftmals in ihrer Anzahl übertreffen.
Aussehen
Die Schwanzmeise ist viel kleiner als ein Haussperling. Von den 14 bis
15 Zentimetern Körperlänge entfällt der größere Teil auf den Schwanz,
deshalb auch ihr Name. Die Unterseite ist weiß. Die Schulterfedern, Flanke
und Bauch sind rosa- bis weinrot getönt. Der Nacken, die Rückenmitte,
die Flügel und der Schwanz sind überwiegend schwarz. Besonders auffällig
sind die weißen Außenfedern des extrem langen Schwanzes und der winzige,
kurze und dicke schwarze Schnabel. Am weißen Kopf hebt sich ein dunkler
bräunlicher bis schwarzer Überaugenstreif ab.
Der Gesang ist selten zu hören und ist ein leises Zwitschern aus 3 bis
5 Elementen. Ein echter Reviergesang fehlt der Art. Die typischen Erregungsrufe
sind kombiniert mit einem hohen „tserrrr".
Der älteste Ringvogel erreichte ein Alter von 8,1 Jahren.
Nahrung
Dank ihrer Geschicklichkeit und aufgrund ihres geringen Gewichts sind
Schwanzmeisen ganz besonders dafür ausgerüstet, Zweig-, Gebüsch- und Baumspitzen
zur Nahrungssuche aufzusuchen. Es gibt keinen Baumteil, den sie nicht
erreichen können. Durch diese Anpassung konnten sie sich in der Kronenregion
eine eigene ökologische Nische erobern. Größere Beute wird sogar in hängender
Haltung aus dem Fuß gefressen. Bei der Nahrungssuche fliegt der Schwarm
bzw. der Einzelvogel von Baum zu Baum, um die Zweige nach Nahrung zu untersuchen.
Dabei wird jeder Baum nur einmal je Tag angeflogen, das erhöht die Chance,
Insekten zu erbeuten.
Als Beute dienen vorwiegend kleine Insekten und deren Entwicklungsstadien,
wobei Spinnen - vor allem deren Eier und Jungspinnen - bevorzugt werden.
Weitere Beutetiere sind Mücken, Blatt- und Schildläuse, Kleinschmetterlinge
sowie deren Eier und Raupen. Kleine Teile von Knospen und Früchten gehören
ebenso zum Nahrungsspektrum.
Außerhalb der Brutzeit sind Schwanzmeisen gesellig und ziehen in Trupps
von 3 bis 30 Vögeln zur Nahrungssuche umher. Der Schwarmzusammenhalt ist
so groß, daß man außerhalb der Brutzeit nie eine einzelne Schwanzmeise
sieht. Wird ein Vogel gefangen, versucht er sofort und laut rufend wieder
Anschluß an den Schwarm zu erhalten.
Brutbiologie
Bereits im Februar lösen sich die Wintertrupps der Schwanzmeisen auf.
Die Weibchen suchen sich dann eine andere Familiengruppe von Männchen
aus. Innerhalb des Winterreviers der männlichen Familiengruppe schließen
sich die neu gebildeten Paare noch eine Zeit lang zusammen, bevor dann
bereits Ende März bzw. Anfang April die Brutzeit beginnt. Die „Jungenschwärme"
lösen sich später auf. Die einzelnen Vögel gliedern sich dann an den „Balzplätzen"
in die Gruppen mit den adulten Vögeln ein. Innerhalb der Balz zeigen die
Meisen schmetterlingsähnliche Flugbewegungen, die von schnellen Landungen
unterbrochen werden.
Ihr kugelförmiges Nest baut die Schwanzmeise sowohl hoch im Gebüsch und
in Astgabeln von Bäumen sowie in den äußersten Spitzen der Nadelbäume
als auch unter zwei Metern Höhe in immergrünen Sträuchern. Auch Bodennester
wurden schon angelegt.
Das Nest ist ein oval kugeliger Bau mit einem seitlichen Eingang in der
oberen Hälfte. Es besteht aus fest verflochtenen Haaren, Spinngeweben,
Pflanzenwolle, dünnen Grashalmen, Flechten und Moos. Die Flechten und
die Birkenrinde dienen je nach Standort zur Tarnung nach außen und isolieren
das Nest außerdem zusätzlich gegen Kälte. Gegen die Kälte soll außerdem
eine mehrschichtige Federauskleidung schützen. Um das zu erreichen, sind
zwischen 1.500 und 3.000 kleine Federn nötig. Daher kann die Bauzeit auch
bis zu drei Wochen andauern, ehe das Nest fertig ist. Auch schlechtes
Wetter kann dazu führen, daß Nester bis zu 30 Tage lang aufgegeben werden.
Während des Nestbaus und zur Zeit der Kopulationen werden auch Mitglieder
des eigenen Schwarms heftig bekämpft und aus der Nähe des Nestes vertrieben.
Gelegt werden dann 6 (8 ) bis 12 (14) schmutzig weiße bzw. gelbliche,
breitovale, nach einer Seite abgespitzte Eier mit blaß- bis rostroten
Flecken, die das Weibchen 12 bis 14 Tage lang bebrütet. Die Bebrütung
beginnt oft schon bevor das Gelege komplett ist. Manchmal legen auch zwei
Weibchen in ein Nest. Während der Brutzeit wird das Weibchen vom Männchen
gefüttert. Die Nestlingszeit beträgt 14 bis 18 Tage. Die Fütterung erfolgt
durch beide Altvögel, die oftmals durch andere adulte Vögel Unterstützung
erhalten, so dass bis zu 6 Vögel eine Brut betreuen können. Diese Vögel
sind aber aus demselben Schwarm und meistens mit dem Brutpaar verwandt.
Das Weibchen kann dadurch seinen Fütterungsanteil reduzieren und die Jungen
über längere Zeiten wärmen, was für deren Entwicklung sehr vorteilhaft
ist. So können pro Nest bis zu 12 Junge aufgezogen werden. Nach dem Ausfliegen
werden die Jungen noch mindestens zwei Wochen gefüttert. Überwiegend findet
nur eine Jahresbrut statt. Das Stattfinden einer Zweitbrut ist bisher
noch nicht sicher nachgewiesen wurden.
Allerdings wurden auch schon Schwanzmeisen beobachtet, die bei Kohlmeisenbruten
mit fütterten.
Bestand
Die Schwanzmeise besiedelt in Mitteleuropa Auwälder und gut strukturierte
Laubwälder mit einer gewissen Bodenfeuchte. Bevorzugt werden auch Ufergehölze
in der Nähe von Gewässern und Moorgehölze. Schwanzmeisen findet man ebenso
in Parks, Gärten, Friedhöfen und Obstgärten mit altem Baumbestand sowie
in unterschiedlich strukturierten Fichtenkulturen. In einigen Gebieten
verschwand sie, weil ihr die charakteristischen bodenständigen Flechten
zum Nestbau fehlten, was wiederum auf die Luftverschmutzung zurückzuführen
ist. Einige städtische Gebiete wurden aufgrund der verstärkten Brutverluste
durch Rabenvögel wieder aufgegeben. Die genaue Ermittlung des Brutbestandes
ist bei der Schwanzmeise durch die besondere Form der Brutbiologie, des
Schwarmverhaltens und dem Helfersystem bei der Jungenaufzucht schwierig.
An der nördlichen Verbreitungsgrenze in Finnland und Norwegen, können
strenge Winter zum völligen Verschwinden der Schwanzmeise über mehrere
Jahre hinweg führen, um bei günstigen Bedingungen wieder invasionsartig
in den aufgegebenen Gebieten zu erscheinen. Durch die Zunahme der intensiven
Forstwirtschaft in Finnland wird aber generell mit einem Rückgang der
Bestände gerechnet.
Basierend auf den Mittelwerten der vergangenen Jahre kann in Westdeutschland
von einem Bestand von 110 bis 130.000 Brutpaaren ausgegangen werden. In
Ostdeutschland geht man von ca. 50.000 Brutpaaren aus.
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